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Julian Assange

Grossbritannien opfert nicht nur die Pressefreiheit der 'westlichen Welt', sondern die eigene Souveränität gegenüber den USA und die Menschenrechte. Julian Assange, unseres Erachtens ein Held, wird derzeit in einem unwürdigen Schauprozess quasi hingerichtet, ihm droht die Auslieferung an ein Geheimgericht in die USA und ein absurdes Strafmass von 175 Jahren – wofür?

Sein Verbrechen war die Aufdeckung von Kriegsverbrechen. Die Ausbreitung dieser traurigen Wahrheit wird offenbar so stark befürchtet, dass sie mit allen Mitteln verhindert werden muss – laut UNO ist darin Folter eingeschlossen. Nichts ist für ein totalitäres Regime schlimmer, als mutige Menschen, wie Assange einer ist.

Die NZZ, als die mit Abstand wichtigste Zeitung der Schweiz, schafft es hierzulande nicht einmal, darüber zu berichten. Wenn die NZZ auch nur eine homöopathische Dosis Assange in sich hätte, würden sie sich nicht so verhalten können.

Mit Jitsi Corona umgehen

Derzeit hocken (wieder) alle daheim.

Die Software dazu heisst Jitsi (Link); Man kann sich so treffen, Vorträge halten etc.

Jitsi ist open source, unlimitiert und baut ein mesh-förmiges Netz auf. Die Verbindung wird lediglich verwaltet und eingerichtet, anschliessend läuft es verschlüsselt peer-to-peer, wie es sich gehört.

Die zumeist schockiert vorgetragene Erzählweise, wonach nicht die Systeme (wie Whatsapp) uns dienen, sondern wir den Systemen dienen – als Substrat, als Produkt, als Datenvieh – paralysiert einem für normal.

Aber es gibt auch ein andere Sicht, in der wir nicht ohnmächtig sind!

Wir kommen erst langsam dazu, zu merken, dass das Internet nicht einfach, so wie es immer suggeriert wird, von grossen Internetkonzernen mit nur den besten Absichten "für" uns gemacht wird, sondern dass wir selbst Autoren und Schöpfer sind. Sowohl inhaltlich, als auch formal, und jetzt kommt's: auch in funktionaler Hinsicht. Hier müssen wir den Fuss in die Türe stellen, um uns den Zugang zur Entwicklung einer eigenen, unkuratierten Meinung zu bewahren.

links eine konventionelle Topologie, rechts ein Mesh mit vielerlei Wegen

Um die Abhängigkeit von globalen Konzernen zu mildern, muss das Netz von unten aus, will heissen von uns einfachen Nutzern, sukzessive umgebaut werden. Das tun wir über die Wahl unserer Werkzeuge. Nicht YouTube (Google), Microsoft (Teams) oder Zoom sollen genutzt werden, sondern möglichst 'nicht hierarchische' OpenSource Software. Mit Netzwerken, die als Meshes funktionieren.

New Dark Age

Buch von James Bridle, 2019

Bridle schriebt irgendwo im ersten Kapitel, dass er auch nicht gerade davon angetan ist, genau diese Buch schreiben zu müssen. Das erste Kapitel musste ich viermal lesen, es ist mühsam – aber lohnend. Das Buch macht schlechte Laune und ist bitter nötig. Wenn man sich fragt, wie sehr sich Dystopie derzeit ausbreitet, ist dieses Buch eine grosse Hilfe. Es sucht, ein kulturelles Verständnis aufzubauen und damit unseren schweren Sorgen zum Verlust von Freiheit, Umwelt, Gesundheit, Frieden etc. eine Verhandelbarkeit zu geben.

Disparate Youth / Sippenhaftung

Quartier du Grand Parc, Bordeaux, F
Lacaton & Vassal 2016

Dieses Bild entstand Anfang Mai 2019. Die Plattenbauten wurden durch Lacaton Vassal 2016 in laufendem Betrieb saniert. Die Sanierung ist konzeptuell eindrücklich – die Sozialwohnungen wurden um exklusive Attribute wie Terrasse und Glasbrüstungen ergänzt – ein Spiel mit Wertmasstäben.

Doch wohin tun müssen wir das Brandloch? Hier ist eine Dissonanz, Aufwertung sollte ja gegen Wertschätzung eingetauscht werden. Wenn so ein Fleck da ist, wertet dies auch alle anderen ab. Es zeigt allen, dass die Bewohner möglicherweise nicht verantwortlich mit der Substanz umgehen und diese Aufwertung nicht verdient haben. Dasselbe gilt im Kleinen für die vorstehenden Veloräder, die vielleicht zuerst da waren und die Bauten mit einem Netz überziehen.

Gleichzeitig sind es aber genau diese Dinge, die diese interessanten Gebäude noch ein wenig interessanter und aufschlussreicher machen. Wie müssen wir als Planer damit umgehen? … Derzeit arbeiten wir in Spreitenbach AG und in Seebach ZRH an zwei Projekten mit sozialen Wohnungen. So einfach die Grundrisse sind, so einfach die Architektur ist, die schwierige Aufgabe ist das, was man oben auf dem Bild sieht.

Google Goi

Hier ist Google Assistant bei der Arbeit. Diese hübschen, ethnisch einwandfrei ausgesuchten Menschen backen zusammen einen Kuchen und freuen sich gemeinsam über die Google-Assistant-Taste am neuen Nokia 4.2 Smartphone. Der damit angerufene 'Assistant' hilft ihnen mit den Zutaten und der Reihenfolge. Das Foto stammt aus dem moralisch unverfänglichen HMD Global Presskit.

Die Google Assistant Taste werden wir künftig öfter antreffen. Wenn man sie drückt, wird die laufende Aktion mit KI ausgewertet und möglichen Services zugeordnet.


Und hier ist der Stadia Controller. Er verbindet via WiFi. Mit seinen Tasten kann man, durch das Google Stadia-Rechenzentrum in den USA, ganz einfach Content auf Youtube teilen.

Dank eingebauten Mikrofonen kann Google direkt Kontakt mit dem Spieler aufnehmen. Er verfügt vermutlich nicht ünber die Rechenleistung, um Spracheingaben lokal bearbeiten zu können. Das bedeutet, dass Google mithört.

Google 90%

Ok, Google.

Du kümmerst Dich eifrig um meine Fotos und schaust, dass sie besser und schöner gerechnet werden. Das machst Du mit 90% aller Fotos, da vermutlich dieser Anteil Fotos mit Android-Smartphones geschossen werden, welche wiederum 90% aller Smartphones ausmachen, weltweit.

Bei 90% aller Suchanfragen weltweit kümmerst Du Dich darum, dass die Suchenden das Richtige finden, von dem Du denkst, dass es das Richtige für sie ist, nicht das Böse, nicht das Flasche, nur das Richtige.

Du stellst meinen Kindern mit Youtube 90% des Unterhaltungsmaterials ausserhalb von Games auf dem Internet zur Verfügung. Dank Autoplay schaust Du auch gleich, dass sie nichts anderes machen, sondern möglichst lange in Deiner von Influencern gepflegten Einflussbereich bleiben.

Du bist gegen Artikel 13, weil er Dich in die Verantwortung ziehen würde und Du schliesslich für den Content nichts kannst. Deshalb bittest Deine Influencer, sich gegen die von den Authoren und Verlägen instrumentierten Politiker zu wehren, die solchen Unsinn beschliessen. Das weisst Du aus Deiner Erfahrung besser.

Stadia macht Gaming zu einer Deiner 90% Domänen; Deine Genialität reicht mit Deinen Ressourcen wieder einmal viel weitere als diejenige all Deiner Mitbewerber. Jedes drittklassige Device wird aufwändige Games spielen lassen können.

Die Spieleentwickler werden vermutlich auf ihren Zeit-Anteil mit Abogeldern bezahlt. Sie werden die Spiele derart gestalten, dass eine möglichst lange Verweildauer in ihrem Spiel entsteht.

Ich etwas weniger, ich tue grad störrisch, meine Kinder etwas mehr, wird sind Dein Datenvieh. Das hältst Du gut und sorgfältig. Bei Dir bringt es den besten Ertrag. Das hast Du uns in Deinem Schulungsvideo 'the selfish ledger' gelehrt.

Cook's Camden

Buch von Mark Swenarton, erschienen bei Lund Humphries, London:



Inspiriert von der Ateiler 5-Siedlungen wie Halen und Flamatt wurden um Sydney Cook im London der späten Sechziger an der Zukunft gebaut. Low Rise High Density (LRHD) Projekte versprachen ein angeregtes Sozialleben. Heute: sie tun es wirklich. Das Buch muss man gesehen haben, es ist sorgfältig gemacht und ist nicht einfach ein Architekturbuch. Wie bei 'Ästhetik der Platte' begibt man sich auch hier auf eine kurzweilige Zeitreise.

Nespresso

Während unseren Diskussionen im Büro hat sich der Ausdruck 'Nespresso-Stil' etabliert. Anfänglich war es ein Witz, in dem es um falsch verstandene Italianità geht.

Wenn wir diesen vordergründigen Witz aber weiter denken, so entsteht mit diesem Ausdruck ein Begriff für eine bestimmte Form von kultureller Identität. Es ist nicht die falsch verstandene Italianità der zu dünnen Servietten am klebrigen Brioche oder der um den Hals gehängte Pullover beim Abendspaziergang.

Es ist im guten wie im schlechten Sinne brutal schweizerisch. Der Kaffee ist fast perfekt, kann mit kleinstem Aufwand hergestellt werden, die Qualitätssicherung stimmt. Nichts wird dem Zufall überlassen, die minimale Selbstverantwortung beschränkt sich darauf, dass die Alu-Kapseln auch wirklich recycelt werden. Es ist Ausdruck von Sowohl-Als-Auch für Dinge, die in der Schweiz wichtig sind: guter Kaffee, aber kein Stress damit und ein bisschen sauber muss es also schon sein.

Die Landschaft bewohnen und trotzdem eine vollständig funktionierende städtische Infrastruktur in Anspruch nehmen dafür.

Toward a Concrete Utopia:
Architecture in Yugoslavia, 1948–1980

Buch von Valentino Stierli und Vladimir Kulic, erschienen bei MoMa Press, New York:



Die yugoslavische Architektur wird, so scheint's, (aus Scham?) fast versteckt gehalten. Zum Glück wurde 2018 eine Ausstellung im Museum of Modern Art gemacht. Die Fotografien von Valentin Jeck zeigen den eindrücklichen Gestaltungswillen, sie sind nur so durchdrungen. Hat man sich erst einmal darauf eingelassen, entdeckt man herbe Poesie. Utopia, so wie gebaut, ist nicht lieblich, nicht sozialisitsch-technokratisch, sondern etwas ganz Eigenes, das es zu entdecken gilt. Ergo: selber lesen und entdecken. Noch besser aber gleich hinfahren, mit dem Buch unter dem Arm.

Die Ästhetik der Platte

Buch von Philipp Meuser, erschienen bei DOM publishers

Ist eines der schönsten und inspirierendsten neuen Bücher. Es ist wie eine kleine Reise nach Taschkent. Man kann es hier bestellen.

Internet of Things

Internet of Things (fortan IoT), bezeichnet die digitale Vernetzung von alltäglichen Gegenständen. Ein Beispiel, welches immer wieder bemüht wird, ist der Kühlschrank, der weiss, ob noch genug Milch da ist. Die Firma Duravit hat tatsächlich ein Klo entwickelt, welches laufend das Urin analysiert und mit dem Internet vernetzt ist. [Link]

Wir unterstellen dem Keramikhersteller, dass er kaum Ahnung von Datensicherheit haben kann, wenn selbst grosse Softwarekonzerne an weniger empfindlichen Aufgaben scheitern (z.B. Adobe mit Flash). Wie verändert sich also unser Alltag, wenn wir uns mit immer mehr Daten sammelnden Geräten umgeben, wenn wir auch banalste Dinge an die 'Cloud' abgeben?

Erst mal braucht IoT Strom, Wartung und Aufmerksamkeit. Es braucht also Zeit, welche wir direkt der sinnlichen, haptischen Wahrnehmung unserer Umwelt entziehen. Es macht uns dumm, indem unser Gehirn aus Energiespargründen, früher genutzte Bereiche langfristig deaktiviert. Dies wurde in einer Studie am Beispiel von Navi-Geräten kürzlich eindrücklich nachgeweisen. [Link]

Dramatisch aber ist, dass wir Software, die wir nicht durchschauen, Schritt für Schritt unser Bewusstsein ersetzen lassen.

Die Produkte, die wir verbauen, müssen wir nach diesen Kriterien prüfen und skeptisch sein bei allem, was irgendwie vernetzt ist. Und alles, was kein Strom braucht, ist schon mal positiv.

Die Cloud

"the cloud is just someone else's computer" ist eine Untertreibung.

Möglichst ausfallsicher gemachte Hardware treibt die Cloud an. Man weiss nicht, wo sie ist und wie es um ihre Zugriffsrechte steht. Wenn sie in den USA ist, schicken wir unsere Daten via Grossbritannien in die USA, durch transatlantische, nachweislich abgehörte Kabel. Datenschutz für nicht-US-Bürger gibt es nicht.

Wenn nicht alle Anruflisten, Kontaktdaten und Termine, Fotos und Notizen auf eben jener Hardware sein soll, von der wir nicht wissen, bei wem sie wo ist, ist es schwierig, ein Handy oder ein Computer so aufzusetzen, dass er 'cloudfrei' läuft. Apple z.B. verstellt die Einstellungen zur Cloud bei jedem Update auf's neue.

Privatsphäre

Privatsphäre ist ein grundlegendes, von allen Ländern der Welt (UNO) anerkanntes Menschenrecht und steht über den Gesetzen dieser Länder. Privatsphäre ist grundlegend, weil sie eine Voraussetzung für viele andere Menschenrechte, wie Freiheit, Menschenwürde und Selbstbestimmung, ist.

Privatsphäre ermöglicht es uns, Grenzen zu ziehen, um uns vor Einmischung Fremder in unser Leben zu schützen – damit wir gegenseitig die Bildung einer eigenen Meinung verhandeln können. Privatsphäre bedeutet im Alltag, zu bestimmen, wer unser Freund ist, mit wem wir unsere Gedanken und Gefühle teilen, aber auch einfach für was wir uns gerade interessieren. Diese Dinge darf uns niemand aufzwingen oder verbieten.

Die Grenzen, die uns vor fremder Einmischung schützen, ziehen wir selber täglich viele Male, oft ohne dass wir es merken, in dem wir bestimmen, was uns angetan und über uns in Erfahrung gebracht werden kann. Je mehr wir von uns preisgeben, desto weniger bestimmen wir.

Heute ist die grösste Gefahr für unsere Freiheit, dass unser Recht auf Privatsphäre umgangen wird, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Wenn wir das Internet nützen, wenn wir unsere Mobiltelefone nützen, wenn wir einkaufen, wenn wir ein Ticket lösen: Wir hinterlassen laufend Daten, die belegen, wo wir waren und mit wem wir uns möglicherweise getroffen haben, wie gesund wird sind und so weiter. Diese Daten sind für sich alleine betrachtet nur selten von Bedeutung – man meint „Ich habe nichts zu verbergen“ oder „Ich bin nicht wichtig“. Doch, was mit diesen Informationen geschieht, wird nicht so entschieden.

Werden diese vielen, häufig unwesentlichen, Daten überlagert, entstehen digitale Doppelgänger von uns und unserer Gesellschaft. Diese Doppelgänger, und nicht wir selbst, werden verwendet, um über Software über uns entscheiden zu lassen und um uns zu bewerten (z.B Versicherungen, Bonität, Suchtverhalten). Aus der Sicht von Staaten oder Konzernen haben heute unsere digitalen Doppelgänger mehr Gewicht als wir selbst, weil sie viel einfacher handhabbar sind, weil sie gekauft und verkauft werden können – ohne dass wir Einfluss nehmen können.

Unsere Rechte und Möglichkeiten, dem etwas entgegen zu setzen, werden durch die grosse Menge der Übergriffe im Verhältnis zu dem, was wir verhandeln können, immer schwächer.

Emhart Building, CT, USA 1963-2004
Bunshaft House, NY, USA 1963-2004

Gordon Bunshaft, Natalie De Bois / SOM (Foto: Ezra Stoller)

Dieses historische Gebäude in einem Buch zu entdecken bereitet Freude. Diese, 1964 durch den AIA prämierte Ikone, wurde 2005 tatsächlich für einen Golfplatz abgebrochen.

Bunshaft Villa, East Hampton, NY, USA

Die Bunshafts haben ihr Privathaus 1994 mitsamt den darin befindlichen Werken von Picasso, Le Corbusier und Henry Moore dem MoMA vermacht. Das MoMA hat das Haus dann für ca. 3 Mio. $ verkauft, daraufhin hat eine liederliche Renovation stattgefunden und es wurde erneut verkauft, diesmal für 9.5 Mio. $ und schliesslich wurde es 2004 abgerissen. Dazu ein Artikel

Work Life Balance?

Der Entschleunigungsapostel Hartmut Rosa bedauert öffentlich, dass das Konzept unserer gegenwärtigen Wirt- und Gesellschaft nur funktioniert, wenn alles wächst, beschleunigt und sich konkurriert.

Im Körper sterben Zellen ab und neue Wachsen nach. Wunden verheilen. Zerfall ist, wenn das Absterben das Nachwachsen überholt. Wir wachsen gegen den Zerfall und werden immer langsamer dabei. Dagegen gibt es erprobte Strategien, z.B. Jugendlichkeit mit Eleganz wettmachen. Nicht jeden Quatsch wieder durchleben zu müssen, weil aus den Misserfolgen gelernt zu haben. Übersicht haben. Mündiger werden. Sich neue Themen erschliessen; Diese Strategien sind auch eine Form von Wachstum über unseren Körper hinaus, die helfen, Ähnliches in weniger Schritten zu vollziehen, zu beschleunigen. Im Umkehrschluss ist Entschleunigung deshalb wider die Natur. Lernen, Strategien entwickeln, in Konkurrenz sein: das ist für uns natürlich, wir brauchen uns nicht dagegen zu stemmen, es geschicht von selbst. Aber wir können uns vom kollektiven Klagen über Beschleunigung emanzipieren, in dem wir uns davon abwenden.

Wurde man früher aus emotionaler Überwältigung ohnmächtig oder hysterisch, hat man heute salonfähige Burnouts. Burnouts werden erst wahr, weil viele klagen, indem sie Sinnlosigkeit, fehlende Resonanz mit Lethargie als Folge, gemeinsam feststellen.

Zweihundert Jahre früher war der Alltag zu oft existenzbedrohend. Es gab Missernten, Kindersterblichkeit, geringe Überlebenschancen bei heute banalen Krankheiten, Knechtschaft, Willkür, Rechtsunsicherheit, fehlende Hygiene etc.. Würden wir tauschen wollen mit der alten Welt, wenn wir sie als Ganzes annehmen müssten und nicht nur die Idylle unverbauter Landschaft?

Fast täglich fällt aus der Zeitung eine eingeklemmte Beilage von Digitec, Interdiscount, Mediamarkt. Die Huxleyschen Spielzeuge als Früchte unserer Ernte sind riesige, unglaublich günstige Flachbildschirme aus China, Mode hergestellt in Bangladesh und das Leasen von zu riesigen Autos. Wenn das nicht mehr passt, setzen wir Zeichen mit Fair Trade von Max Havelaar und machen Yoga, lernern atmen oder schweigen, oder wir wurden kürzlich aus energetischen Gründen Vegetarier. Es ist halt schwierig, wenn man Beschleunigung kritisiert ohne seinen Konsum auf seinen Bedarf (nicht Bedürfnisse) zu beschränken.

Also gibt es Seminare, an denen ein Guru rät: „be incentive!“, ideal für eine zahlkräftige Kundschaft, die fast vollumfänglich und umstandshalber mit der proaktiven präventiven Verhinderung von Burnouts beschäftigt ist (sprich mit der eigenen Befindlichkeit). Solche Seminare werden von Grosskonzernen kompensatorisch und vielleicht auch um die Mitarbeiter ein wenig kontrollieren und vor sich selbst bewahren zu können, bestellt.

Die Mitarbeiter sollen aber sich nicht unbedingt selbst finden müssen, sie sollen Ihre Arbeit möglichst gut machen und aus den Erfolgen darin Resonanz haben, Lust daran bekommen, gerne Arbeiten. Das können sie aber aus meiner Sicht nur, wenn sie wieder ein klein wenig belastbarer werden, ein klein wenig von ihrem Befindlichkeitstrip runterkommen. Der Grosskonzern soll in seinem System (=Arbeit) Resonanz schaffen können. Alles Andere ist unglaubwürdig.

Wenn die Umwelt nicht erträglich scheint, soll man nicht versuchen, Sinn NICHT zu sehen, sondern seine Belastbarkeit pflegen. Humor dient zum Beispiel der Schaffung von Belastbarkeit. Das fehlt mir bei Hartmut Rosa. Humor als Konzept. Humor ist wichtig um Prioritäten setzen zu können. Wenn man sich von seiner Befindlichkeit beherrschen lässt, hat man bereits verloren, man hat seinem Wachstum entsagt. Aber da kann man ja auch wieder rauskommen, z.B. durch Humor.

Gehen wir also Yoga machen, nicht um der Entschleunigung willen, sondern um der Sache willen. Ordnen wir unser Handeln nicht Befindlichkeits-Zielen (Entschleunigung! Erleuchtung!) unter, die kommen von selbst in Form von Resonanz. Und dann kommt's gut, ich gehe jetzt nämlich kochen.

Stellarator

Man schreibe die zwanzig grössten Zukunftsprobleme auf einen Zettel. Sachen wie Nahrungsmangel, Trinkwassermangel, Energiemangel, Klimawandel, Verarmung, Kriege um Ressourcen und so weiter. Dann sucht man sich zu jedem dieser Probleme ein anderes auf der Liste, mit dessen Behebung man ersteres lösen könnte. Beispielsweise das Trinkwasserproblem, das man mit dem Energieproblem gelöst hätte (durch Meerwasserentsalzung). Spätestens in der dritten Iteration der Problemreduzierung ist man an dem Punkt, wo nur noch das Energieproblem übrig bleibt.

Alle Optionen, das Energieproblem zu lösen, müssen ergebnisoffen, ohne ideologische Vorbehalte und ohne Scheu vor grossen Ausgaben erforscht werden.

Plasma-Geometrie im Fusionsreaktor Stellarator Wendelstein 7X